Tameshigiri Tutorial #1: Weit verbreitete Mythen

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Uns werden immer wieder die unterschiedlichsten Fragen zu Schnitttests mit Schwertern gestellt. Schnitttests sind auch unter der japanischen Bezeichnung Tameshigiri bekannt. Wenn jemand mehr über das altertümliche Tameshigiri erfahren möchte, empfehlen wir das Buch „Tameshigiri – The History and Development of Japanese Sword Testing“ von Markus Sesko.

Wir beschäftigen uns in dem Tutorial mit der modernen Art der Schnitttests, häufig auch Shito (試刀) and Shizan (試斬) genannt, bei der es vor Allem darum geht das eigene Schwert mal „in Aktion“ zu sehen und einen möglichst perfekten Schnitt zu machen. Damit das ganze gefahrlos abläuft, sind ein paar Details zu beachten. Für das Erlernen der richtigen Techniken empfehlen wir wie immer eine nahe gelegene Kampfkunst-Schule aus unserem Register auf zu suchen.

Im Teil 1 beschäftigen wir uns mit den am weitesten verbreiteten Mythen.

Mythos 1: Tameshigiri darf nur von Meistern durchgeführt werden

Das altertümliche Tameshigiri wurde durchgeführt, um die Qualität einer Klinge zu testen. Deshalb durften nur extrem erfahrene Schwertträger die Schnittübungen durchführen, um zu gewährleisten, dass eine gleichbleibende Ausgangssituation herrscht und wirklich die Qualität der Klinge den Ausgang der Schnittübung bestimmt und nicht das individuelle Können der Person, die den Schnitttest durchführt. Deshalb hält sich der Mythos 1 bis heute.

Richtig ist heute, dass Tameshigiri in vielen Schwertkampf-Künsten von fortgeschrittenen Kampfkünstlern und in einigen Kampfkünsten überhaupt nicht durchgeführt wird.
Häufig hört man dafür die Begründung, dass die Tests für Anfänger zu gefährlich wären oder dass es nur Meistern technisch möglich ist ein Ziel zu Schneiden.
Aber das ist unserer Meinung nach eine falsche Interpretation der Sachlage. Beim Erlernen einer Kampfkunst müssen als erstes saubere Grundtechniken erlernt werden. Wenn man es anstrebt in einer bestimmten Schwert-Kampfkunst ein hohes Niveau zu erreichen, sollte man nicht zu früh mit Tameshigiri-Übungen anfangen, weil der Fokus dann schnell darauf liegt die Matte zu schneiden, anstatt die Technik erst mal richtig zu lernen. 
Es ist aber keinesfalls nur Meistern vorbehalten Schnitttest durch zu führen. Ganz im Gegenteil. Heute erfreuen sich vor allem Hobby-Sportler an der Durchführung von Schnitttests.

Mythos 2: Tameshigiri ist gefährlich

Immer mal wieder liest man, dass die Ausübung von Tameshigiri extrem gefährlich sei. Wenn ein paar einfache Grundregeln beachtet werden, sind die Schnitttest aber tatsächlich relativ ungefährlich. Genauso wie man sich im Umgang mit einem scharfen Küchenmesser auch nicht verletzt, weil man auf bestimmte Details achtet.
Dazu gehören einfache Dinge, wie die Auswahl des richtigen Schwertes und einige Grundregeln, die im weiteren Verlauf des Tutorials erklärt werden.
Persönliche Erfahrung oder Können ist keine notwendige Voraussetzung für eine sichere Durchführung von Schnitttests, wenn die wichtigen Details beachtet werden.

Mythos 3: Tameshigiri kann ein Schwert schnell zerstören

Im Normalfall schneidet man eine Tatami Omote Matte (gebundenes Reisstroh) mit einer Klinge aus Stahl. Da ist es da schon relativ unwahrscheinlich, dass die Klinge aus Metall an der Reisstrohmatte „zerschellt“. Trotzdem sollte man auf folgende Punkte achten: 

Qualität des Schwertes:

Schwerter, die ungleichmäßig gehärtet oder vom Stahl her qualitativ ungenügend sind, können bei Schnitttests brechen. Dabei müssen geeignete Schwerter noch nicht mal besonders viel kosten. Für 250 bis 400 Euro bekommt man ein Einsteiger-Schwert in akzeptabler Qualität, das bereits für Schnitttests geeignet ist.

Schnittziele, die dem eigenen Können entsprechen:

Es gibt unterschiedliche Schnittziele für Schnittübungen. Je härter das Ziel, umso höher die Belastung für das Schwert. Als Anfänger sollte man also mit möglichst weichen Zielen anfangen und sich dann vorarbeiten.

Einfache Techniken:

Es gibt Schnitte mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Mehr dazu in weiteren Verlauf des Tutorials. Man sollte dem Schwert zuliebe nur die Techniken ausführen, die dem eigenen Lern-Fortschritt entsprechen.

Beispiel mit Analyse:

Hier mal ein Beispiel aus dem Internet, wie man es nicht machen sollte. Davon gibt es viele bei YouTube.

Qualität des Schwertes: unbekannt
Leider kann man im Video nicht genau sehen, wie die Qualität der Klinge ist.
Schnittziel: Tatami Omote
Das Schnittziel sieht nach einer normalen, gewickelten Matte aus Reisstroh aus.
Technik: Ambitioniert
Als Technik hat die Person einen Doppelschnitt gewählt, der eher zu schwierigeren Techniken gehört. Das auch noch ein-händig!?
Schauen wir mal was passiert:

Kurze Analyse:
Beim ersten Schnitt wird das Schwert in einem schlechten Winkel gehalten. Man sieht schon beim letzten Ansetzen, dass die Klinge relativ horizontal gehallten wird im Vergleich zur Schnittrichtung.
Beim Schnitt wird das Ziel sogar noch zerschnitten, aber durch den schlechten Winkel kippt das Schnittziel nach vorne und die Klinge schwingt sehr stark nach.
Das wäre ein guter Moment gewesen, um den Versuch ab zu brechen. Der Ausübende hat sich anscheinend das Ziel gesetzt mit japanischer Zielstrebigkeit seine Technik auf jeden Fall durch zu ziehen.
Der zweite Schnitt erfolgt mit einem flachen Schneidwinkel, was eine höhere Belastung für das Schwert bedeutet. Dadurch dass das Ziel gekippt ist, trifft das Schwert relativ mittig auf das Schnittziel und nicht im vorderen Drittel, das eigentlich zum Schneiden gedacht ist.
In Kombination damit, dass die Klinge noch vom ersten Schnitt vibriert, ist das dann endgültig zu viel für die Klinge und sie bricht.

Bleibt nur zu hoffen, dass es sich nicht wirklich um ein 5000 US Dollar teures Schwert gehandelt hat, wie der Autor des Videos behauptet. Dafür ist es ziemlich schnell unter vergleichsweise niedriger Belastung gebrochen. Für Schnittübungen sollten lieber moderne, günstige Schwerter benutzt werden als historische Originale. Außer man verfügt bereits über eine sehr gute Technik oder man kann es sich finanziell wirklich leisten einen sehr teuren Verlust zu erleiden.

 

Weiter zum Tameshigiri Tutorial #2: Allgemeine Sicherheit.

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